Nele Ströbel

Bildhauerin

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Der andere Garten_ urban gardening in Neukölln 2014

(Ein begehbares Tagebuch zum Hortus Conclusus)

DIE AUSSTELLUNG IN DER GALERIE IM KÖRNERPARK, BERLIN NEUKÖLLN

Rauminstallation mit Holz- und Terrakottaskulpturen, Fotografien, Videoloops und Zeichnungen


 „Der andere Garten“ Die Stadt als Werkstatt im Flusserschen Sinn

Urban Gardening oder der Hortus Conclusus im Kiez
Eine multimediale Stadtwanderung

Die Recherche

Auf meinen Streifzügen durch urbane Botanik sind mir unterschiedliche Formen des Gartens und Gärtnerns in der Stadt aufgefallen:
Speziell in Neukölln gibt es viele Guerillagärtner die Baumscheiben, ganze Grünanlagen oder Leerbrachen bepflanzen und bewirtschaften:
Aus Liebe zu Pflanzen, aus Kreativität, aus Eigensinn, aus Sozialromantik, aus Liebe zum Stadtraum, aus persönlichem Engagement, aus Experimentierfreude, aus Anteilnahme, aus Sehnsucht nach einfachem, überschaubarem Tun, aus Lust auf Betätigung im Freien, als Freizeitbeschäftigung, aus Not, als wirtschaftlicher und nachhaltiger Zugewinn, als Kontaktbörse für die ganze Familie, als kulturelle Setzung, als politisches Zeichen, als Sehnsuchtsort, als utopisches Experiment, als Protest gegen Verwahrlosung, Gedankenlosigkeit, Lieblosigkeit, als Trost für so manches, als Zeichen der Hoffnung, als ökologische Setzung, als Rebellion, als Kunstwerk, als Paradigmenwechsel, zur Selbsterfahrung und zum Studium.
Das Gärtnern im öffentlichen Raum hat viele Beweggründe.

Die verschiedenen GartenTypen im Kiez
Die Baumscheibe als Hortus Conclusus am Straßenrand, zwischen Autos und Gehweg: Hier wird mit kleinem Zaun, Sitzbank, Gartenpflanzen liebevoll und oft auch mit finanziellem Einsatz um ein Stück gestaltete Natur vor der Haustüre gekämpft. Ein Dauereinsatz gegen Hundekot, Trunkenbolde und unartige Kiezbesucher. Guerillagardening pur.
Die Kleingartenanlagen mitten in der Stadt mit unterschiedlich strengen Regeln.
Es ist wie auf den Friedhöfen: von akribischer Ordnung bis zu totaler Anarchie alles da. Hier wird auch viel Obst geerntet, Marmeladen kollektiv gekocht. So mancher wohnt den ganzen Sommer hier und vermietet die Kiezwohnung zum Lebensunterhalt. Manche bleiben auch im Winter, obwohl das Wasser abgestellt wird. Laubenpieper und Datschen Kolonien haben abenteuerliche Namen, die essbare Stadt wohnt hier.
Die kollektiv organisierten  Zwischennutzungen von Brachen wie “Prinzessinnen Gärten“, „Kids´ Garden“ und „Tempelhofer Freiheit“.

Die wilden Gärten und  Wagenburgen an  Landwehrkanal, Neuköllner Schifffahrtskanal, Teltowkanal.


Der klassische Park wie Volkspark Hasenheide, Körnerpark und Britzer Garten.
Die Nutzung des Familiengrabes als Hortus Conclusus und/ oder Wochenenddatsche: Die Hälfte der acht Friedhöfe Neuköllns steht heute als Gartendenkmale unter Schutz. Ansonsten herrscht eine lebendige Vielfalt:  Anordnung und Gestaltung der Gräber sind von atemberaubender Lebendigkeit. musikalischer zaun
Auf den Grablegen gibt es Miniaturparks, Wäldchen, Hügelbeete, Cannabis Anpflanzungen, Ikea-Möblierungen, Grabbeigaben vom rosa Barbie-Pferde-Gespann bis hin zum Polizeiauto.  Ganze Miniaturmoscheen ersetzten den klassischen Grabstein,  Buddha Statuen zwischen akribisch geschnittenen Buchsbaum Heckchen und meterhohen Sonnenblumen. Lavendelbüsche nähren die Stadtbienen. Sonnenschirme und Gartenbänke bieten den Grabbesuchern Komfort. Manches zellophanierte Antlitz auf A4 ist der einzige Grabschmuck. Bei den anonymen Grabfeldern werden gerne die Portraits auf Blumenvasen geklebt. Ein Strauss Nelken, ein Gurkenglas und die Oma auf dem Sofa mit ihrem Hunderl.
Die Ausstellung
Auf meinen Stadtwanderungen durch das exotische Stadtgrün Neuköllns und Kreuzbergs habe ich viel gezeichnet, fotografiert und mit urbanen Gärtnerinnen und Gärtnern gesprochen.
Es sind 3 mit Musik vertonte Videoloops entstanden die kreisend  auf einen white cube projiziert werden:
Der Friedhofs und Gießkannen -Loop mit Life and Death vom Balanescu Quartett.
Der Baumscheiben und Blumenfenster-Loop Hortus Conclusus, mit den Mysterien Sonaten von Lyriarte.
Der Nomadenloop über Tempelhoferfeld, Prinzessinnen- und Kidsgarden mit Belenge Musik aus Westafrika. 
Gärten sind zeichenhafte, vielfältig konnotierte Räume. Sie inspirieren meine Arbeit zum Hortus Conclusus in der Stadt. Mit diesem „begehbaren Tagebuch“ erzähle ich über die urbanen Gärtnerinnen und Gärtner, über den spielerisch improvisierten und den Ingenieur mäßig geplanten Umgang mit nomadischen oder vertikalem Grün. Von der Stadt als Werkstatt, als Gewächshaus als entschleunigter Verweilort. In diesem urbanen Labor  werden Formen der Zukunft unter improvisierten Bedingungen erprobt.
rasenstueck druck (4).JPG
ContainerZeichnung.jpgEigens angefertigte Ton- und Holzobjekte berichten auf Wänden und Böden von verschiedenen Stationen und Eindrücken auf meinen Stadtwanderungen. Die Marker-Zeichnungen und Aquarelle sind vor Ort entstanden und beförderten einmal mehr das Gespräch mit den Protagonisten. Über Tapes auf die Wand installiert sind sie mit Fotografien und Objektrahmen kombiniert.
Diese“ fiktiven Schaltpläne der Urbanität“ stehen ausgeformten, „musikalischen“ Holzzäunen,  „Rasenstücken“ aus Terrakotta für die Wand, (Reliefvariationen Anlehnung an „Das große Rasenstück“ Aquarell von Albrecht Dürer 1503), Filmsequenzen und „Intro-Plastiken“ (klingende, halbkugelförmige Petrischalen aus hochgebrannter Terrakotta als Bodeninstallation), gegenüber.
In der Ausstellung und dem begleitenden Katalogbuch sind Arbeiten zu sehen, die sich mit der bildnerischen Anordnung, komplexen Darstellung und Reproduktion von Pflanzen und Bäumen räumlich auseinandersetzen. Der Titel Hortus Conclusus, der auf den historischen Gemälden dargestellten geschlossenen Garten der Maria verweist, bedeutet eine eigene geschlossene Welt. In dieser arbeite ich auf verschiedenen Ebenen, die teils geschlossen, zurückgezogen sind oder auch im Außen, auf Bühnen erprobt werden können.
Im begleitenden Katalogbuch werden diese künstlerischen Arbeiten neben ausgewählten Fotos und Berichten von engagierten Wissenschaftlerinnen, Aktivisten und Gestalterinnen abgebildet. In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei allen Autorinnen und Interviewpartnern, im Besonderen bei Dipl. Ing. Schirin Taraz für die Einblicke in die Arbeit von WOHA Singapur bedanken.

Mein Hortus Conclusus ist ein Raum, wo Realität und Fiktion aufeinander prallen und die Stadt im Flusserschen Sinn als Werkstatt neu erfunden wird.
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